ZAT 2018

Die jährliche Zentrale Arbeitstagung (ZAT) des BVTS richtet sich an die BVTS Mitglieder und weitere Multiplikator/innen, welche das Theater in der Schule strukturell und inhaltlich weiterentwickeln möchte. Damit befördert sie den Verbandsdiskurs zu aktuellen Themen. Sie wird in Kooperation mit der Bundes­ar­beits­ge­mein­schaft Spiel und Theater e. V. durchgeführt.

Save the date!

Die ZAT 2018 findet vom 23. bis 25. November in Hamburg statt.

Theater - Performance - Demokratiebildung

ZAT 2018
Theater – Performance – Demokratiebildung
– 23. bis 25. November 2018 in Hamburg –
Ort: Universität Hamburg / Fakultät für Erziehungswissenschaft
Von-Melle-Park 8 – 20146 Hamburg

Die Tagung beschäftigt sich mit dem demokratischen Potenzial von Theaterperformances im Rahmen des Schultheaters.
Aktueller Anlass sind u.a. die Krisenphänomene der Demokratien in Amerika und Europa, die die Politiker und Bürger dieser Nationen bzw. Staaten vor neue Herausforderungen stellen. Das hat auch Auswirkungen auf unser Bildungssystem.
Die ZAT geht von folgender These aus: Um die Welt um sich herum zu verstehen, politische Sachverhalte zu durchschauen und sich auch in verzwickten Fragen ein eigenständiges Urteil bilden zu können, muss man nicht nur vieles wissen. Dazu gehört auch neben demokratischen Einstellungen vor allem die Motivation und Fähigkeit, sich aktiv für Gemeinwesen und Demokratie zu engagieren. Die Grundlagen dafür müssen in formalen und nonformalen Bildungsprozessen gelegt werden. Performance ist ein Schlüsselbegriff des 21. Jahrhunderts. Performance ist wie Demokratie allerdings ein interpretativer Begriff. Widerspruch und Meinungsverschiedenheit sind darin bereits enthalten, eine allgemeinverbindliche Definition ist in diesem Sinne unmöglich. Die Widersprüchlichkeit
rivalisierender Deutungen und Bedeutungen ist ihr wesentlicher Bestandteil. Ästhetische Formate sind politisch konnotiert. Insofern ist dem performativen Spiel ein partizipatives Element eingeschrieben. Hierin liegt das demokratische Potenzial der Theaterperformance.

Hier das geplante Programm der ZAT 2018 als PDF zum Herunterladen und Ausdrucken. Ein Flyer erscheint im August.

ZAT 2018 - Programm

Download (1.80 MB)

Bild

Für mehr Bilder wischen oder klicken!

Bild

Für mehr Bilder wischen oder klicken!

Bild

Für mehr Bilder wischen oder klicken!

Anschließend referierte Maike Plath, Autorin, Theaterpädagogin und ehemalige Lehrerin aus Berlin. Mit ihrem Vortrag „Vielfalt als Glücksfall“ bewegte sie die Gemüter, da sie einführend auf die politische Weltlage und die damit sichtbaren Gefahren für die Demokratie einging, indem sie klar umriss, wie Demütigung durch Zynismus, Überheblichkeit und Ignoranz einer erfolgreichen Gesellschaft der demokratischen Vielfalt derzeit entgegenstehe. Denn wer sich im derzeitigen Referenzsystem nicht berücksichtigt fühle oder anpassen könne, fühle sich gedemütigt und ausgeschlossen und werde andere Wege gehen, um diese Demütigung zu kompensieren. Inklusion als gesamtgesellschaftliche Perspektive könne nur gelingen, wenn ALLE sich mit ihren Perspektiven eingeschlossen fühlten in die Gestaltung der Gesellschaft. Eingewanderte und weiße Herkunfts-Deutsche, sogenanntes Establishment und sogenannte underdogs sowie Menschen mit verschiedenen sexuellen Orientierungen oder streng Gläubige, Junge und Alte, Akademiker und Arbeiter, Menschen aus der Provinz und den Großstädten, Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen. Eine Gesellschaft, die sich Diversität auf die Fahnen schreibt, müsse diese Vielfalt auch leben können. Bildung sei das Mittel, um die gesellschaftliche Teilhabe der Vielen zu ermöglichen. Hierbei diene Theaterunterricht als Schlüssel. Anschließend veranschaulichte sie ihre unterrichtspraktischen Erfahrungen an einer sogenannten Brennpunktschule in Berlin-Neukölln, an der sie durch Theaterarbeit positive Entwicklungen initiieren konnte und, dadurch ermutigt, ein methodisches System entwickelte, das sie in Workshops vermittelt. Dazu zeigte sie einen kurzen Film, in dem zu sehen war, wie die Schülerinnen und Schüler in ihrem partizipativ gestalteten Theaterunterricht agierten. Es gab viel Beifall und sehr emotionale Reaktionen im Publikum für diesen Vortrag.

Der zweite Tag wurde eingeleitet mit einem Vortrag der isländischen Dozentin Ása Helga Ragnarsdóttier von der University of Iceland, School of Education und der Iceland Acadamy of Arts. Sie ist in die Lehrerausbildung und die Entwicklung der Rahmenpläne involviert, hat zahlreiche Bücher über Theaterpädagogik geschrieben und ist selbst Schauspielerin. Eingangs eröffnete sie uns die großartige
Tatsache, dass das Fach „Drama“ in Island seit 2013 ein Schlüssellernbereich im nationalen Rahmenlehrplan ist und verpflichtender Gegenstand für alle Studierenden in der Ausbildung. Island sei daher das erste europäische Land, das Nachahmer finden müsse. Ob die darstellenden Künste ihren Platz behaupten würden, hänge von der Regierung und den Schulbehörden ab. Es hänge auch von der guten Ausbildung der Theaterlehrer ab, ihrer Beteiligung und ihrem Interesse. Des Weiteren stellte sie ein Inklusionsprojekt aus der Grundschule vor. „Frederik“ ist ein Buch für Kinder, in dem die Maus Frederik anders als die übrigen Mäuse, nicht Körner und Nüsse für den Winter sammelt, sondern Farben, Gedichte und Wörter, um in der kalten Zeit die Herzen seiner Freunde mit Kunst zu erwärmen. Diese Geschichte stehe symbolisch für die Bedeutung von Kunst in unserem Leben.

Den Hauptteil des Tages nahmen anschließend die Workshops ein, in die sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer aufteilten. Der Lehrer und Bühnenbildner Marius Dechant aus Nürnberg leitete den Workshop „Darstellendes Spiel und Migration“, in dem vorrangig über Kinder und Jugendliche mit Fluchtund Migrationserfahrungen nachgedacht wurde. Dabei standen Spracherwerb und künstlerisch-biografischer Ausdruck im Fokus. Hier wurde die eigene Haltung zur kulturellen Arbeit mit diesen Schülerinnen und Schülern hinterfragt und Herangehensweisen praktisch erprobt und reflektiert.

Die Regisseurin, Schauspielerin und Theaterpädagogin Dorothee de Place aus Hamburg leitet eine integrative Theatergruppe (Theater Klabauter) und bot einen Workshop mit dem Schwerpunkt DanceAbility an. Das ist eine spezielle Richtung der Kontaktimprovisation für Menschen mit und ohne körperliche Behinderungen, gegründet von dem amerikanischen Tänzer und Choreographen Alito Alessi. Sie wurde begleitet von drei Mitgliedern ihrer integrativen Theatergruppe, mit denen wir während des Workshops zusammenarbeiteten und sehr schöne Erfahrungen machen konnten, da die fließenden Bewegungen dieser modernen Tanzrichtung ein Miteinander im wahrsten Sinne des Wortes ermöglichte. Den zweiten Teil ihres Programms bildete eine Einheit mit szenischen Improvisationen zu Texten, auch hier konnten wieder alle Beteiligten sehr bereichernd zusammenarbeiten, ganz nach Dorothee de Places Motto: „Einzige Startbedingung: Wir sind jetzt hier.“

Der dritte Workshop „Diversität produktiv machen“ wurde von Maike Plath geleitet. Hier wurden praxistaugliche Konzepte für gelingende Inklusion erprobt, die auf ihrem „Zentralen Mischpult“ aufbauten. Die Grundprinzipien ihres Ansatzes der partizipativen, biografischen Theaterarbeit wurden erläutert und angewandt, die vor allem die Fragen ernst nehmen, wie man mit Schülerinnen und Schülern umgeht, die Widerstände im herkömmlichen Unterricht zeigen und wie Lernprozesse in Gang gesetzt werden können, die Vielfalt als Glücksfall spürbar machen.

Der Theaterpädagoge Leandro Gomes aus Brasilien arbeitet unter anderem in einem Heim für minderjährige Geflüchtete in Berlin. In seinem Workshop „Inklusion durch Theater – Warum ist Teilhabe so herausfordernd?“ wurden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer eingeladen, sich in kurzen Gesprächen über persönliche Erfahrungen mit Inklusion in ihren Arbeitsfeldern auszutauschen. Im weiteren Verlauf ging es um die Vermittlung, das Ausprobieren und die Reflexion von Theaterspielen als Werkzeug, um neue Perspektiven für die Arbeit mit Inklusion zu schaffen und gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen.

Der Tag wurde abgeschlossen mit einem gemeinsamen Theaterbesuch. In der Compagnie de Comédie, einem kleinen Theater direkt am Hafen, fand zeitlich parallel das Landestheaterfestival Dialoge statt. In diesem Rahmen wurde das Stück „Ödipus!Schwellfuß!“ aufgeführt, eine Produktion des Kreisdiakonischen Werkes Stralsund e.V. mit dem Theater Vorpommern und den Stralsunder Werkstätten. Hier wurde die Geschichte des Ödipus von der integrativen Theatergruppe „Die Eckigen“ unter Regie von Gerd Franz Triebenecker inszeniert. Die traumatische Erfahrung von Gewalt, Ausgrenzung und Anderssein wurde von den Beteiligten in einer verstörenden Inszenierung über seelische und körperliche Verletzungen und der Sehnsucht nach Heilung dargeboten. Wie schwierig zu beurteilen das Gelingen des integrativen Ansatzes in der Arbeit von Menschen mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen ist, zeigte sich in einer kontrovers geführten Diskussion mit dem Regisseur, die aus Zeitgründen nicht zu Ende geführt werden konnte.

Am letzten Tag der Tagung konnten wir im oben genannten Theater Schüleraufführungen im Rahmen des Dialoge-Festivals sehen. Hier zeigten integrative Schülergruppen aus Rostocker Schulen Ergebnisse aus ihren einwöchigen Workshops zu „Alice im Wunderland“, teils als Schattenspiel, Puppentheater oder theatrale Szene. Ein starker Applaus honorierte zum Schluss die sehenswerte und anregende Collage.

Mit vielen Eindrücken, Gedanken, Anregungen und neuen Erfahrungen zum Theater der Vielfalt bereichert, verließen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer eine gelungene ZAT.

Annette Kaufhold (Stellvertretende Vorsitzende der Brandenburger Landesarbeitsgemeinschaft Theater in Schulen e.V.)