ZAT 2016

Die jährliche Zentrale Arbeitstagung (ZAT) des BVTS richtet sich an die BVTS Mitglieder und weitere Multiplikator/innen, welche das Theater in der Schule strukturell und inhaltlich weiterentwickeln möchte. Damit befördert sie den Verbandsdiskurs zu aktuellen Themen. Sie wird in Kooperation mit der Bundes­ar­beits­ge­mein­schaft Spiel und Theater e. V. durchgeführt.

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Die ZAT 2017 findet vom 24. bis 26. November in Frankfurt am Main gemeinsam mit dem BuT statt.

Bericht von der ZAT 2016 in Rostock

Theater der Vielfalt und Teilhabe
Die Zentrale Arbeitstagung des BVTS fand 2016 in Rostock in der Hochschule für Musik und Theater (HMT) statt. Zu Recht zählt diese Institution zu den schönsten Hochschulen Deutschlands, befindet sie sich doch in dem denkmalgeschützten ehemaligen Katharinenstift in der Rostocker Altstadt in Hafennähe. 1223 als Franziskanerkloster gegründet, lassen sich noch viele historische Architekturelemente wie Kreuzgang oder Kapitelsaal finden, die nun mit hinzugefügten Neubauteilen in einem spannungsvollen Dialog stehen. Bemerkenswert ist auch die Hochschulgeschichte: 1947 wurde hier eine Hochschule für Musik, Theater und Tanz gegründet, die als Außenstelle der Berliner Hochschule „Hanns Eisler“ Studierende ausbildete. 1968 wurde sie in die „Rostocker Schauspielschule“ umgewandelt, die 1981 an die Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ Berlin angegliedert wurde. Seit 1994 ist sie die eigenständige Hochschule für Musik und Theater, in der das Studium der Musik und Theaterpädagogik möglich ist.

Rund 60 Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Mitgliederverbände aus den Bundesländern trafen sich am Abend des ersten Arbeitstages im ehemaligen Refektorium, welches heute ein modern ausgestatteter Veranstaltungssaal der HMT ist. Hier wurden sie von den Vorstandsvorsitzenden des BVTS Ulrike Mönch-Heinz und Gunter Mieruch und vom Vorstand des Landesverbandes Theater in der Bildung Mecklenburg-Vorpommern Anja Umland und Erik Raab herzlich begrüßt. Das Thema der diesjährigen Tagung war der Umgang mit Inklusion, Heterogenität und Transkulturalität als Chance und Herausforderung. Das inklusive Theater geht von einem Theater der Vielfalt aus, dem der Leitgedanke „Theater ist für alle da“ vorausgeht. Der Theaterunterricht an unseren Schulen sollte für alle Schülerinnen und Schüler unterschiedlicher Kulturen und Ethnien, mit oder ohne Handicaps zugänglich sein. Deswegen waren die zentralen Fragestellungen für diese Tagung: Ist Darstellendes Spiel/Theater dafür auch gut aufgestellt? Ist es auch geeignet, wie kaum ein anderes Fach, so die Behauptung, inklusive Unterrichtsprinzipien zu verwirklichen? Sind die Theaterlehrkräfte hinreichend didaktisch und methodisch darauf vorbereitet? Sind sie bereit, ihr eigenes Referenzsystem kritisch zu hinterfragen?

Diesen Fragen gingen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit den Fachimpulsen verschiedener Referentinnen und Referenten nach. Gunter Mieruch wies in seiner Einleitung darauf hin, dass der BVTS sich bereits in Potsdam 2009 mit dem Thema beschäftigt hatte, allerdings noch mit dem Akzent auf „Interkulturalität“. Sieben Jahre weiter seien Migration und Erfahrung von kultureller Differenz keine Ausnahme mehr, sondern die Regel, Normalität. Aus diesem Grund gewönnen transkulturelle oder Diversity-Konzepte, die von einem vernetzten und fließenden Dialog zwischen den Kulturen ausgingen, an Bedeutung. Transkulturalität sei der Versuch, im Rahmen gesellschaftlicher, politischer und auch bildungspolitischer Entwicklungen angesichts von Globalisierung und zunehmender Zeit-Raum-Verdichtung kulturelle Selbstverständlichkeiten in Frage zu stellen und über traditionelle Vorstellungen von Kultur hinauszuweisen. Und wir müssten uns fragen, inwieweit sich das auch im Nachdenken über das Lehren und Lernen in der Schule, insbesondere im Theaterunterricht niederschlagen müsste.

Marion Küster, Professorin an der HMT Rostock, eröffnete mit ihrem Vortrag den Auftakt der Eröffnungsveranstaltung mit ihrem Vortrag „Ich will herausfinden, wer Recht hat, die Gesellschaft oder ich.“ Diese Frage hat bei Emanzipationsprozessen der Umsetzung von Inklusion Gültigkeit. Was heißt Behinderung? Wer behindert wen? In Bezug gesetzt zu Hendrik Ibsens „Nora oder ein Puppenheim“, wird hier aufgezeigt, wie Nora die Grenzen der Beschränkung erkennt und überwindet und sie deshalb für verrückt erklärt werden muss, weil ansonsten die Machtverhältnisse in Frage gestellt werden würden. Bei Prozessen der Inklusion gehe es ebenso um einen inneren Haltungswechsel. Dieser gelinge nur über Empathie. Inklusion heißt, Unterschiede zu erkennen und anzuerkennen, nicht, die Unterschiede zu minimieren und Gleichheit zu erzwingen. Des Weiteren reiche es nicht, wenn Regierungen Prozesse der Inklusion bloß einleiteten, es müssten organisatorische Strukturen geschaffen werden, das heißt, nicht nur die innere Haltung müsse sich ändern, sondern auch die äußeren Bedingungen, damit eine Grundhaltung des gemeinsamen lebenslangen Lernens und Wachsens im Austausch mit allen Beteiligten untereinander entstehen könne. Marion Küster betonte hierbei besonders den liebevollen Blick auf uns selbst und die anderen. Theater in Schule könne über künstlerische Erfahrung Wahrnehmung schärfen und helfen, Neuorientierung handelnd zu erleben. Mecklenburg-Vorpommern sei hier auf einem guten Weg, denn Theater ist hier von der 1. bis zur 10. Klasse als Fach in die Kontingentstundentafel aufgenommen worden und demzufolge wird demnächst eine Professur für die Lehrerbildung für dieses Fach an der HMT eingerichtet. Dafür wird der Studiengang Theaterpädagogik aber leider wegfallen.

Hier der ausführliche Bericht zur ZAT 2016 als PDF zum Ausdrucken:

Theater-der-Vielfalt-und-Teilhabe-.pdf

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Anschließend referierte Maike Plath, Autorin, Theaterpädagogin und ehemalige Lehrerin aus Berlin. Mit ihrem Vortrag „Vielfalt als Glücksfall“ bewegte sie die Gemüter, da sie einführend auf die politische Weltlage und die damit sichtbaren Gefahren für die Demokratie einging, indem sie klar umriss, wie Demütigung durch Zynismus, Überheblichkeit und Ignoranz einer erfolgreichen Gesellschaft der demokratischen Vielfalt derzeit entgegenstehe. Denn wer sich im derzeitigen Referenzsystem nicht berücksichtigt fühle oder anpassen könne, fühle sich gedemütigt und ausgeschlossen und werde andere Wege gehen, um diese Demütigung zu kompensieren. Inklusion als gesamtgesellschaftliche Perspektive könne nur gelingen, wenn ALLE sich mit ihren Perspektiven eingeschlossen fühlten in die Gestaltung der Gesellschaft. Eingewanderte und weiße Herkunfts-Deutsche, sogenanntes Establishment und sogenannte underdogs sowie Menschen mit verschiedenen sexuellen Orientierungen oder streng Gläubige, Junge und Alte, Akademiker und Arbeiter, Menschen aus der Provinz und den Großstädten, Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen. Eine Gesellschaft, die sich Diversität auf die Fahnen schreibt, müsse diese Vielfalt auch leben können. Bildung sei das Mittel, um die gesellschaftliche Teilhabe der Vielen zu ermöglichen. Hierbei diene Theaterunterricht als Schlüssel. Anschließend veranschaulichte sie ihre unterrichtspraktischen Erfahrungen an einer sogenannten Brennpunktschule in Berlin-Neukölln, an der sie durch Theaterarbeit positive Entwicklungen initiieren konnte und, dadurch ermutigt, ein methodisches System entwickelte, das sie in Workshops vermittelt. Dazu zeigte sie einen kurzen Film, in dem zu sehen war, wie die Schülerinnen und Schüler in ihrem partizipativ gestalteten Theaterunterricht agierten. Es gab viel Beifall und sehr emotionale Reaktionen im Publikum für diesen Vortrag.

Der zweite Tag wurde eingeleitet mit einem Vortrag der isländischen Dozentin Ása Helga Ragnarsdóttier von der University of Iceland, School of Education und der Iceland Acadamy of Arts. Sie ist in die Lehrerausbildung und die Entwicklung der Rahmenpläne involviert, hat zahlreiche Bücher über Theaterpädagogik geschrieben und ist selbst Schauspielerin. Eingangs eröffnete sie uns die großartige
Tatsache, dass das Fach „Drama“ in Island seit 2013 ein Schlüssellernbereich im nationalen Rahmenlehrplan ist und verpflichtender Gegenstand für alle Studierenden in der Ausbildung. Island sei daher das erste europäische Land, das Nachahmer finden müsse. Ob die darstellenden Künste ihren Platz behaupten würden, hänge von der Regierung und den Schulbehörden ab. Es hänge auch von der guten Ausbildung der Theaterlehrer ab, ihrer Beteiligung und ihrem Interesse. Des Weiteren stellte sie ein Inklusionsprojekt aus der Grundschule vor. „Frederik“ ist ein Buch für Kinder, in dem die Maus Frederik anders als die übrigen Mäuse, nicht Körner und Nüsse für den Winter sammelt, sondern Farben, Gedichte und Wörter, um in der kalten Zeit die Herzen seiner Freunde mit Kunst zu erwärmen. Diese Geschichte stehe symbolisch für die Bedeutung von Kunst in unserem Leben.

Den Hauptteil des Tages nahmen anschließend die Workshops ein, in die sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer aufteilten. Der Lehrer und Bühnenbildner Marius Dechant aus Nürnberg leitete den Workshop „Darstellendes Spiel und Migration“, in dem vorrangig über Kinder und Jugendliche mit Fluchtund Migrationserfahrungen nachgedacht wurde. Dabei standen Spracherwerb und künstlerisch-biografischer Ausdruck im Fokus. Hier wurde die eigene Haltung zur kulturellen Arbeit mit diesen Schülerinnen und Schülern hinterfragt und Herangehensweisen praktisch erprobt und reflektiert.

Die Regisseurin, Schauspielerin und Theaterpädagogin Dorothee de Place aus Hamburg leitet eine integrative Theatergruppe (Theater Klabauter) und bot einen Workshop mit dem Schwerpunkt DanceAbility an. Das ist eine spezielle Richtung der Kontaktimprovisation für Menschen mit und ohne körperliche Behinderungen, gegründet von dem amerikanischen Tänzer und Choreographen Alito Alessi. Sie wurde begleitet von drei Mitgliedern ihrer integrativen Theatergruppe, mit denen wir während des Workshops zusammenarbeiteten und sehr schöne Erfahrungen machen konnten, da die fließenden Bewegungen dieser modernen Tanzrichtung ein Miteinander im wahrsten Sinne des Wortes ermöglichte. Den zweiten Teil ihres Programms bildete eine Einheit mit szenischen Improvisationen zu Texten, auch hier konnten wieder alle Beteiligten sehr bereichernd zusammenarbeiten, ganz nach Dorothee de Places Motto: „Einzige Startbedingung: Wir sind jetzt hier.“

Der dritte Workshop „Diversität produktiv machen“ wurde von Maike Plath geleitet. Hier wurden praxistaugliche Konzepte für gelingende Inklusion erprobt, die auf ihrem „Zentralen Mischpult“ aufbauten. Die Grundprinzipien ihres Ansatzes der partizipativen, biografischen Theaterarbeit wurden erläutert und angewandt, die vor allem die Fragen ernst nehmen, wie man mit Schülerinnen und Schülern umgeht, die Widerstände im herkömmlichen Unterricht zeigen und wie Lernprozesse in Gang gesetzt werden können, die Vielfalt als Glücksfall spürbar machen.

Der Theaterpädagoge Leandro Gomes aus Brasilien arbeitet unter anderem in einem Heim für minderjährige Geflüchtete in Berlin. In seinem Workshop „Inklusion durch Theater – Warum ist Teilhabe so herausfordernd?“ wurden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer eingeladen, sich in kurzen Gesprächen über persönliche Erfahrungen mit Inklusion in ihren Arbeitsfeldern auszutauschen. Im weiteren Verlauf ging es um die Vermittlung, das Ausprobieren und die Reflexion von Theaterspielen als Werkzeug, um neue Perspektiven für die Arbeit mit Inklusion zu schaffen und gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen.

Der Tag wurde abgeschlossen mit einem gemeinsamen Theaterbesuch. In der Compagnie de Comédie, einem kleinen Theater direkt am Hafen, fand zeitlich parallel das Landestheaterfestival Dialoge statt. In diesem Rahmen wurde das Stück „Ödipus!Schwellfuß!“ aufgeführt, eine Produktion des Kreisdiakonischen Werkes Stralsund e.V. mit dem Theater Vorpommern und den Stralsunder Werkstätten. Hier wurde die Geschichte des Ödipus von der integrativen Theatergruppe „Die Eckigen“ unter Regie von Gerd Franz Triebenecker inszeniert. Die traumatische Erfahrung von Gewalt, Ausgrenzung und Anderssein wurde von den Beteiligten in einer verstörenden Inszenierung über seelische und körperliche Verletzungen und der Sehnsucht nach Heilung dargeboten. Wie schwierig zu beurteilen das Gelingen des integrativen Ansatzes in der Arbeit von Menschen mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen ist, zeigte sich in einer kontrovers geführten Diskussion mit dem Regisseur, die aus Zeitgründen nicht zu Ende geführt werden konnte.

Am letzten Tag der Tagung konnten wir im oben genannten Theater Schüleraufführungen im Rahmen des Dialoge-Festivals sehen. Hier zeigten integrative Schülergruppen aus Rostocker Schulen Ergebnisse aus ihren einwöchigen Workshops zu „Alice im Wunderland“, teils als Schattenspiel, Puppentheater oder theatrale Szene. Ein starker Applaus honorierte zum Schluss die sehenswerte und anregende Collage.

Mit vielen Eindrücken, Gedanken, Anregungen und neuen Erfahrungen zum Theater der Vielfalt bereichert, verließen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer eine gelungene ZAT.

Annette Kaufhold (Stellvertretende Vorsitzende der Brandenburger Landesarbeitsgemeinschaft Theater in Schulen e.V.)