ZAT 2017

Die jährliche Zentrale Arbeitstagung (ZAT) des BVTS richtet sich an die BVTS Mitglieder und weitere Multiplikator/innen, welche das Theater in der Schule strukturell und inhaltlich weiterentwickeln möchte. Damit befördert sie den Verbandsdiskurs zu aktuellen Themen. Sie wird in Kooperation mit der Bundesarbeitsgemeinschaft Spiel und Theater e. V. durchgeführt.

Bericht von der gemeinsamen Herbsttagung von BVTS und BuT

Stop Seperating! Theaterpädagogische Arbeit in schulischen und außerschulischen Bildungskontexten

Rückblick durchs Kaleidoskop
Nun sag, wie hast du´s mit der Quarkspeise?
Simone Boles


Die gemeinsame Herbsttagung des Bundesverbandes Theater in Schulen (BVTS) und des Bundesverbandes Theaterpädagogik (BuT) vom 24.-26. November 2017 im Frankfurter Schultheater-Studio setzte Impulse. Impulse für Gedanken über die Chancen der Zusammenarbeit. Impulse für Gedanken über die Konkurrenzsituation zwischen den beiden Gruppen.
Die beiden Gruppen, das waren die Theaterpädogog*innen (TP) einerseits und die Theaterlehrer*innen (TL) andererseits. Unfassbar, aber wahr: Es war die erste gemeinsame Tagung der beiden Bundesverbände, obwohl es den BuT seit 1990 und den BVTS seit 1981 gibt. „Fast 30 Jahre - und wir sind uns noch nie begegnet,“ stellten Lutz Pickard (BuT) und Gunter Mieruch (BVTS) bei der Eröffnung fest.
Die Dichotomie zwischen TP und TL verfestigte sich gleich zu Beginn: gelbe oder blaue Namensschilder visualisierten die Zuordnung zum schulischen oder außerschulischen Bereich, die Trennungslinie war markiert. Einige wenige Zwitterwesen durften grün tragen. Die Dichotomie zog sich thematisch und strukturell als roter (oder besser: gelb-blauer) Faden durch die drei gemeinsamen Tage. Insgesamt rund 180 TP und TL standen sich gegenüber. Sie ergänzten sich. Sie beäugten sich. Sie teilten sich in zwei Teile. Sie trafen sich auf einer Tagung. Dieser Rückblick ist ein Blick durch ein Kaleidoskop: Er ist subjektiv, facettenhaft, erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Er spiegelt Elemente, Momente, Schnittstellen und Reibungspunkte der Herbsttagung wider. Beginnen wir mit einem Erzählmoment…
#Quarkspeise
Nachdem das 3-Gänge-Menü für eine große Familienfeier nahezu besprochen wurde, kommt es zu folgendem Dialog:
Gastwirt: „Und an welches Dessert hatten Sie gedacht?“
Kunde: „Keine Ahnung. - Vielleicht Quarkspeise?“
Gastwirt (entsetzt, beleidigt): „Quarkspeise! Das ist doch kein gastronomischer Nachtisch!“
Dieser Erzählmoment im Einführungsvortrag von Prof. Dr. Werner Sting fokussierte das professionelle Selbstverständnis von TP und TL. Die kulinarische Parabel warf viele Fragen auf, die in den folgenden Tagen durchdacht, diskutiert, performt, debattiert wurden: Ist es mit dem professionellen Selbstverständnis von TL und TP vereinbar, eine Quarkspeise zuzubereiten? Oder bereiten wir nur Passionsfrucht-Brûlée mit gegrilltem Ananastatar zu? Gibt es überhaupt ein gemeinsames professionelles theaterpädagogisches Selbstverständnis? Wollen wir überhaupt zusammen oder doch lieber getrennt kochen? Ist das Quark-Rezept im theaterpädagogischen Sinne der Projektorientierung wichtiger? Oder ist das Gourmet-Dessert im theaterpädagogischen Sinne der ästhetischen Produktorientierung wichtiger? Und was bedeutet eigentlich „Professionalität“ in schulischen und außerschulischen theaterpädagogischen Kontexten? Welche Kategorien von Professionalität gibt es? Kurz gefragt: Nun sag, wie hast du´s mit der Quarkspeise?
Die Tagung bot viele Möglichkeiten, über diese Fragen nachzudenken, zu lachen und zu streiten: Workshops, Kaffeepausen, Vorträge, Tischgespräche im World Café, Morgentraining, Walk-and-Talk, heimliches Rauchen, Plenumstreffen, Speed-Dating, Hotellobbyversacken, Tanzen, Zukunftswerkstatt, Live-Präsentationen, Abendbuffet …
#Trennungsmomente
Der Tagungs-Titel „Stop Separating!“ verriet - als anglizistischer Imperativ getarnt - die Setzung eines bedauernswerten IST-Zustandes, den es zu überwinden gelte.
Eine Trennung oder Kluft zwischen den freien Pädagog*innen und den (unfreien?) Lehrer*innen, die zu überwinden sei. So stand die theaterpädagogische Arbeit in schulischen und außerschulischen Bildungskontexten im Fokus der Tagung, welche vom Frankfurter Schultheater-Studio (STS) dem Landesverband Schultheater in Hessen (LSH) und dem Vorbereitungsteam (Raimund Finke, Antje Klahn, Gunter Mieruch, Joachim Reiss) gelassen und vorbildlich ausgerichtet wurde.
#Begegnungsmomente
Konstatiert wurde, dass sowohl TP als auch TL mit Jugendlichen arbeiten, jedoch unter ganz unterschiedlichen Voraussetzungen. Gemeinsam sei dennoch, dass beide Gruppen mit Geringschätzung und ähnlichen Problemen zu kämpfen hätten. Zwei Formen der Geringschätzung zeigten folgende Fragen und Aussagen, welche im Berufsalltag der Theterschaffenden metaphorisch auf einen Problemkreis verweisen. Sie visualisieren die Parallelität und Differenzen und wurden an verschiedenen Stellen der Tagung eingebracht und diskutiert:
1. Geringschätzung: TP > „Können Sie auch Kindergeburtstag?“ TL> „Können Sie auch ein kleines Theaterstück zur Entlassfeier machen?“
2. Geringschätzung: TP> „Das ist keine richtige Kunst, nur Pädagogik.“ TL> „Das ist kein richtiges Schulfach, nur Spielen.“
Folglich scheinen die beiden Berufsgruppen irgendwo zwischen Kunst und Pädagogik (Ist das Kunst oder ´was für Kinder?) zu changieren.
Der erste intensive Kontakt der TP und TL auf der Tagung war das Speed-Dating: Man fand sich zu zweit, besprach drei Dating-Fragen, löste sich und das nächtse Tandem traf sich. Die individuellen Gespräche zeigten Gemeinsamkeiten und Unterschiede auf, ermöglichten einen Einblick in die andere Berufsgruppe, die gelben und blauen Fäden verwoben sich.
Drei Beispielfragen des Speed-Datings: 1. So bin ich zum Theater gekommen…2. Mein schlimmster Probenmoment… 3. Wie gehst du damit um, wenn…
In sieben Workshops, angeleitet von Tandems aus Theaterpädagog*innen und Theaterlehrer*innen, sammelten die Teilnehmer*innen gemeinsam Erfahrungen über Site-Specific Theatre, Störungen und performative Verfahren. Der Protest als theatrale Untersuchung wurde erprobt. Methoden zur Arbeit mit Großgruppen, Besonderheiten des Theaters mit Geflüchteten und Informationen zum Theater als Fach im Regelunterricht standen im Mittelpunkt. Die Werkstattangebote, das Input und die Praxisbeispiele spiegelten die Diversität der Praxis wider.
Das World-Café servierte neue Perspektiven und Blickwinkel auf das Thema „Theater und Schule“. Angerichtet wurde an 10 Tischen. Auf dem Menü standen zahlreiche Kooperationsmodelle zwischen Schule und Theater, deren Ziel die Implementierung des Fachs Theater ist. Ein Grundschulkooperationsmodell wurde vorgestellt, das Deutsche Kindertheaterfest (DKTF) fokussiert das Theaterspielen im Grundschulalter innerhalb und außerhalb der Schule. Streitbar war der Ganztagsmodellvorschlag, Theater auf das Fach zu reduzieren unter Wegfall von Arbeitsgemeinschaften, Projekt- oder Aktionstagen. Einwände: Können und wollen wir auf die an der Didaktik des Projektunterrichts orientierten Phasen verzichten? Bieten nicht gerade sie relativ strukturlose Freiräume? Und somit aus theaterpädagogischer Sicht gelungene Rahmen-Bedingungen für ästhetische Erfahrungen? TP und TL informierten sich im Tischgespräch über die Chancen und Gefahren von Projektförderungen. Theaterpädagog*innen in Schulen berichteten, internationale Netzwerke, regionale Schultheater-Festivals setzten Impulse zur Kooperation der TL und TP. Nicht nur im World-Café, auch bei den Vorträgen, den Workshops, bei der Zukunftswerkstatt: Informationen, Anregungen, Energie, Erkenntnisse und Impulse.
Während man im World-Café noch diskutierte, wurden in der Zukunftswerkstatt bereits Utopien entworfen. Die Vorträge komplementierten die Informationswelle. Blicke auf die Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten zur Theaterpädagog*in an Hochschulen und mit dem BuT-System konnten geworfen werden. Die universitären und außeruniversitären Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten zur Theaterlehrer*in ähnelten denen der Theaterpädagog*innen verblüffend: unübersichtlich, als grundständiges Studium, als Zweitstudiengang, in Weiterbildungslehrgängen von Instituten, sehr unterschiedlich auf die Länder verteilt.
#Reibungspunkte
Es knistert. Intensiver Reibungsaustausch, heftige Zuschreibungen, Klischees und Vorurteile schweben im Raum. Bis zum Schluss. Und das ist auch gut so, denn Reibung bedeutet Energie. Doch das ist eine andere Geschichte, die ein anderes Mal erzählt werden muss. Spielen wir zunächst ein Ratespiel: Die folgenden Aussagen müssen der gelben Kategorie (Theaterlehrer*innen) oder der blauen Kategorie (Theaterpädagog*innen) zugeordnet werden. Sie spiegeln in etwa die im Raum schwebenden Gedanken wider, sind Grundlage ironischer Witze, bilden das Fundament des Austausches. Gewonnen hat, wer die meisten richtigen Zuordnungen gefunden hat.
1. Ich bin ein Künstler (weibliche Form auch i.F. stets mitgemeint). 2. Du bist unstrukturiert. 3. Wieso heißen wir eigentlich Theaterlehrer*innen und ihr Theaterpädagog*innen, da die Kunst doch erst kommt, wenn ihr da seid? Vorher war nur Pädagogik, oder? Denn was ist ein Theaterlehrer ohne Kunst? Ein Pädagoge! 4. Das ist doch voll schultheater (adjektivisch verwendet, mit negativer Konnotation).5. Ich bin ein Pädagoge. 6. Du bist chaotisch. 7. Bei Schultheaterinszenierungen fehlt halt der Künstler. 8. Du hast es gut, du kannst deine Strukturen selber setzen. 9.Das System bietet mir zu wenig Freiheit.10. Was wollt ihr eigentlich von uns? 11. Du musst alles aufschreiben. Wieso ist euer System so starr? 12. Du bist doch gar kein Pädagoge, du inszeniert doch einfach. 13. Du machst keine Kunst, sondern stellst Spieler*innen hin und lässt sie Texte auswendig lernen. 14. Ich will mit Schule nichts mehr zu tun haben.
Am Ende wird klar: Wir wissen zu wenig voneinander. Da ist sie also, die trennende Kluft, die es zu überwinden gilt.
Verschlissene Denkschemata werden ohne individuelle Überzeugung unbedacht übernommen. Negative Urteile über eine Gruppe von Theaterschaffenden werden gefällt, und da ein Urteil immer subjektiv ist, aber zugleich mit Verallgemeinerungen operiert, kann ein Urteil ebenso ein Vorurteil sein. Klischees können jedoch ebenso verspielt, mit Humor und Leichtigkeit sein, wenn der konstruktive Umgang stimmt. Kommen wir somit zur Spielauswertung: Nur Nr. 3 ist eindeutig zuzuordnen: 3-TL. Sollten Sie Nr. 4., 7. und 11. eindeutig zugeordnet haben, versuchen Sie mal, das Gegenteil von einem Frosch zu denken. Nehmen Sie bei jeder Frage intuitiv die Position des gelben Theaterlehrers oder des blauen Theaterpädagogen ein (z.B. gelbe Zuordnung: TL: „Ich bin Künstler.“) Dann formulieren Sie die Aussage um in eine Du-Botschaft: „Du als TP bist Künstler.“ Jetzt vervollständigen Sie den Perspektivwechsel: Ich als TP bin Künstler). Wunderbar, wenn Sie jetzt auch noch die Erweiterung spielen wollen, dann wählen Sie als intuitive Position die blaue Kategorie. Herzlichen Glückwunsch, Sie können nonlinear denken, Sie haben einen aufblasbaren Laubfrosch gewonnen.
# Weiser Rauch
Über allem blies der Rat der Weisen (Prof. Dr. Dorothea Hilliger, Christiane Mangold, Prof. Dr. Wener Sting, Studierende) seinen „weisen Rauch“.
Neben sechs Thesen warf er folgende Fragen auf: Wo brauchen wir Trennungen? Wo müssen wir im Denken und Handeln über Grenzen gehen und Dichtotomien auflösen?
Wie kommt man eigentlich an unsere inneren Grenzen heran? Wie gehen wir theoretisch mit der auf der Tagung erlebten Diversität um? Welche Handlungsformen sind denkbar? Welche Forderungen stellen wir an Institutionen, an uns, an Kooperationsprojekte? Die Sudierenden des Weisen Rates fragten: Wie wichtig ist es, dass beide Erfahrungen in künstlerischen Prozessen sammeln? Wie wirkt sich das auf die Theaterpädagogik aus?
# Weise Quarkspeise
Bezogen auf die kulinarische Ausgangsparabel sei folgendes Rezept zur Diskussion gestellt:
Quarkspeise (frei nach Doktor Oetker und meiner Oma): Beide Quarksorten (zur Hälfte: Magerstufe & 20% Fett i.Tr (Theaterpädagog*innen)), Joghurt (Theaterlehrer*innen), Zucker (Kooperation) und Vanillin-Zucker (Abgrenzungen) mit einem Schneebesen (Energie) verrühren. Die Hälfte der Quarkmasse in Dessertgläser (Theater) oder in eine Glasschüssel (Schule) füllen. Die Obstmischung (Begeisterung) darauf verteilen und mit der restlichen Quarkmasse bedecken. Die Quarkspeise mind. 30 Min. kalt stellen.
Das Rezept wirkt recht profan, aber ganz schön süß. Ist dessen Simplizität Ausgangspunkt und zugleich Rechtfertigung genug für ein gemeinsames, professionelles, ästhetisches Tun? Keine Definition sollte es geben, sondern unterschiedliche Formate von Professionalität. Vielleicht bedarf es einer Ent-Differenzierung der Stysteme, sodass Konflikte als produktive Störfeuer wahrgenommen werden und Schule und Theater durch neue Vernetzungen von TP und TL neu gedacht werden können.
Wollen, sollen und können die 190 Tagungsmitglieder in Zukunft wieder gemeinsam Quarkspeise essen? Wird es in Zukunft eine gemeinsame Tagung geben? Stop separating! Let´s start to eat Quarkspeise, sodass Theaterpädagogik als eine künstlerisch-gesellschaftlich-politisch relevante Disziplin im öffentlichen Bewusstsein verankert wird.