Bildungsstandards im Fach Theater (Darstellendes Spiel) in der Sekundarstufe I

(mittlerer Schulabschluss in Haupt-, Real-, Mittel-, Gesamtschule, Sekundarschule, Gymnasium)

1. Der Beitrag des Faches Theater (Darstellendes Spiel) zur Bildung

Ziel des künstlerischen Faches Theater (Darstellendes Spiel) ist die ästhetische Bildung anhand seines zentralen Gegenstandes Theater. Der spezifische und unersetzbare Bildungsbeitrag des Faches besteht darin, dass die Schülerinnen und Schüler in handlungsorientiertem Projektunterricht selbst Theater spielen, indem sie ihre Inszenierungen im Ensemble gestalten, d.h., praktisch-künstlerisch erproben. Ihre Ergebnisse präsentieren sie in Form von Darbietungen, Werkstattpräsentationen oder Aufführungen und reflektieren ihre Arbeit auf einem theatertheoretischen und –historischen Hintergrund.

Diesen komplexen Probenprozess und das Produkt ihrer Gestaltung erleben sie in Theater-Projekten ganzheitlich-integrativ als Ineinandergreifen von sinnlicher Wahrnehmung, künstlerischem Gestalten, den dabei erfahrbaren Emotionen, ihren Kooperationsfähigkeiten im Ensemble und eigenen Wirkungsmöglichkeiten gegenüber den Mitspielern und Zuschauern und der Reflexion über diesen Prozess.

Damit einher geht eine Sensibilisierung für die häufig mediale Inszenierung von Wirklichkeit und die Fähigkeit, auch außerschulische Theaterinszenierungen als Zuschauer zu verstehen und sich mit theaterästhetischen Fragestellungen auseinanderzusetzen.

Diese fachlichen Fähigkeiten und Kenntnisse werden als theaterästhetische Handlungskompetenz bezeichnet. Sie teilt sich in folgende, sich wechselseitig bedingende Handlungsfelder und Kompetenzbereiche auf:

  1. Sachkompetenz (Theater verstehen)
  2. Gestaltungskompetenz (Theater gestalten)
  3. Kommunikative Kompetenz (Theater reflektieren)
  4. soziokulturelle Kompetenz (an Theater teilhaben)

2. Die Kompetenzbereiche

2.1. Sachkompetenz

Um Theater zu verstehen ist, unabhängig von unterschiedlichen individuellen Vorerfahrungen, die wichtigste Voraussetzung die eigene Spielerfahrung und die Reflexion darüber. Durch die aktive Auseinandersetzung als Zuschauer mit theatralen Gestaltungsmethoden und -formen als auch in eigener konkreter Anwendung lernen die Schülerinnen und Schüler, theatrale Handlungen in ihrer Zeichenhaftigkeit zu verstehen und wirkungsbewusst anzuwenden.

Für ein kontinuierlich wachsendes Theaterverständnis kommt dann das verstehende Erfassen durch konzentriertes Zuschauen und Entwickeln ästhetischer Beobachtungs- und Bewertungskriterien hinzu, zum einen im schulischen Rahmen bzw. im Probenprozess, zum anderen durch den Besuch außerschulischer Theaterveranstaltungen. Zeitgenössisches Theater wird dabei als produktiver Impulsgeber und als Inspirationsquelle für die eigene Theaterarbeit kritisch rezipiert.

Vor diesem Hintergrund der aktiven Auseinandersetzung mit zunehmend komplexer werdenden theatralen Abläufen und Inszenierungsstrategien entwickeln die Schülerinnen und Schüler ihre theaterästhetischen Grundlagen und Beurteilungskriterien und wenden sie in konstruktiven Feedback-Verfahren an.

2.2 Gestaltungskompetenz

Sinnlich-körperliche, unmittelbar spielerische Primärerfahrung wird vor dem Hintergrund geringer werdender Möglichkeiten selbstbestimmten, originären Handelns immer wichtiger für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen.

Die ästhetische Erfahrung im Fach Theater bezieht sich in seinen Gestaltungsformen vorrangig auf die Ästhetik des Theatralen und Performativen.

Es ist darüber hinaus durch seinen genuin interdisziplinären Charakter in besonderer Weise geeignet, die Ästhetiken der Musik, der Bildenden Kunst und des Films aufzugreifen und ihre Inhalte und Formen zu integrieren.

Grundlegende Theatererfahrungen werden im Unterricht des Faches Theater (Darstellendes Spiel) dadurch gewonnen, dass die Schülerinnen und Schüler selbst Theater spielen und ihre eigenen Erfahrungen, Themen, Mitteilungs- und Wirkungsabsichten für eine Inszenierung auf der Basis von Improvisationen im Ensemble miteinander selbstbestimmt entwickeln und gestalten.

Sie lernen konkret praktisch verschiedene Gestaltungsmethoden und Arbeitsweisen des Theaters kennen. Wichtigste Gestaltungsfelder in der szenischen Improvisation und Darstellung von Figuren, Rollen sowie in performativen Verfahren und Darstellungsformen sind Körper und Bewegung, Raum und Bühnenbild/Kostüm sowie Sprache/Text und Sprechen bzw. Musik und Gesang.

Darüber hinaus bieten sich im Bereich Regie und Dramaturgie zahlreiche Gestaltungsmöglichkeiten in Themenfeldern wie der Konzeption und Komposition von Inszenierungen oder dem Umgang mit Medien.

2.3 Kommunikative Kompetenz

Die kommunikative Kompetenz wird in verschiedenen Kontexten eingeübt, gelernt und angewandt. Auf die Bühnensituation selbst bezogen, erfahren die Schülerinnen und Schüler eine produktive Interaktion zu den Mitspielenden bei der Gestaltung von Beziehungssituationen.

Auf die Unterrichtssituation und die Projektentwicklung bezogen, erfahren sich die Schülerinnen und Schüler in einem Ensemble und werden für Gruppenprozesse und ihr Gelingen zunehmend sensibilisiert und befähigt, solche Prozesse mit eingeübten Verfahren zu steuern. Dadurch werden ihre empathischen Fähigkeiten im Idealfall gefordert und gefördert. In konstruktiven Feedback-Verfahren lernen sie, Theater kritisch-solidarisch zu evaluieren. Dabei entwickeln sie eine immer komplexer werdende Fachsprache. Diese in allen Phasen der Theaterarbeit erforderliche Reflexion bezieht projektabhängig die Auseinandersetzung mit theaterwissenschaftlicher und theaterpädagogischer Fachliteratur/Theorie entwicklungs- und altersadäquat mit ein.

Der von Ausprobieren und Experimentieren gekennzeichnete Projektunterricht verlangt gemeinsam getragene ästhetische Entscheidungen, die nur durch kritische Reflexion der eigenen Praxis tragfähig sind.

Auf sich selbst bezogen entdecken die Schülerinnen und Schüler, dass Theaterspielen mit einem hohen Maß an Selbstreflexion einhergeht, mit ihrer Biographie stark verknüpft ist und zunehmend eine Angleichung von oft diskrepanter Selbst- und Fremdwahrnehmung erfolgt, häufig verknüpft mit einer entsprechenden Selbststärkung.

Die Kommunikation zwischen Publikum und Akteuren erfahren sie in ihrer gegenseitigen Abhängigkeit und Beeinflussbarkeit und erkennen, dass dieses Spannungsverhältnis zwischen Zuschauer- und Bühnenraum immer wieder neu im Zusammenhang mit ihren Wirkungsabsichten auszuloten ist.

2.4 Soziokulturelle Kompetenz

Im Rückgriff auf die grundsätzlich möglichen Differenzerfahrungen im theatralen Prozess (Spieler - Figur, Ich – Nicht-Ich, zwei Wirklichkeiten usw.) entwickeln die Schülerinnen und Schüler ein erstes Verständnis für die Zeichenhaftigkeit und Performativität von Darstellung. Die damit verbundene mediale Kompetenz lässt sie die Konstruktion von Wirklichkeit und damit auch ihre Gestaltung und Beeinflussbarkeit erkennen.

So entwickeln sie eine höhere Sensibilität für Phänomene von Theatralität im Alltag.

Mit den in den anderen drei Kompetenzbereichen erworbenen Fähigkeiten und Kenntnisse können sich die Schülerinnen und Schülern die Vielfalt der Theaterkultur durch aktive, rezeptive wie auch produktive Teilhabe erschließen.

In Kenntnis des historischen Gewachsenseins der Kultur der Darstellenden Künste insgesamt setzen sich die Schülerinnen und Schüler mit bedeutenden zeitgenössischen Darstellungsformen des Theaters auseinander und werden sich der unterschiedlichen Funktionen unterschiedlicher Darstellungsformen bewusst. Dabei erfahren sie den grundsätzlich interdisziplinären Charakter von Theater und die intensiven wechselseitigen Bezüge zu den anderen Künsten, aber auch den anderen gesellschaftlichen Bereichen bzw. Fächern (Religion, Deutsch usw.). Darüber hinaus lernen sie die Rolle der Medien kritisch einzuschätzen und für ihre Interessen innerhalb einer Inszenierung auch intermedial einzusetzen.

Soziokulturelle Kompetenz bedeutet auch interkulturelle Kompetenz insoweit, als es beim Theaterspielen um das Abgleichen unterschiedlicher Wahrnehmungs- und Selbstkonzepte geht. Vor dem Hintergrund je eigener kultureller Prägung kann damit Fremdheit toleriert, respektiert und zum Gegenstand einer künstlerischen Gestaltung werden.

Nicht zuletzt die Begegnung mit Theatern und ihren Künstlern und Fachleuten (z. T. in aktiver Partnerschaft) sowie die regionalen und überregionalen Kinder- und Jugendtheatertreffen sind gut geeignete Handlungsfelder zum Einüben und Anwenden kultureller Kompetenz.

3. Kompetenzen im Fach Theater Klasse 10

Vorbemerkung

Die Kompetenzen stehen in einem unauflösbaren Zusammenhang und werden eng miteinander verzahnt erworben. Die hier vorgenommene Trennung ist analytisch und modellhaft.

Je nach Vorerfahrung der Schülerinnen und Schüler in den Klassen 1-9 sind die genannten Kompetenzen mehr oder weniger differenziert erworben und individuell ausgeprägt. Die hier formulierten Kompetenzen und Standards setzen eine regelmäßige mindestens zweijährige Teilnahme an Theaterunterricht in der Sek I ab Klasse 6 aus. Nuancierungen und Anpassungen des Komplexitätsgrades und schultypengemäße Anpassungen in schulinternen Curricula sind entsprechend möglich.

Diese Standards beziehen sich auch auf den Übergang in die gymnasiale Oberstufe und beschreiben die Qualifikation, mit der Schülerinnen und Schüler das Fach Theater (Darstellendes Spiel) dort wählen können.

3.1 Theater verstehen

Auf der Grundlage der eigenen Gestaltungsexperimente sowie durch Theaterbesuche zeitgenössischer Theaterinszenierungen zeigen die Schülerinnen und Schüler ein vertieftes Verständnis theatraler Prozesse sowohl als Akteur als auch als Zuschauer an.

Sie kennen verschiedene Stile (z. B. Neo-Realistisches Theater, Absurdes Theater, Performance-Theater, Postdramatisches Theater) und Genres (Komödie, Tragödie, Literatur-, Bewegungs-, Tanz-, Musik- und Bildertheater) und verschiedene Inszenierungskonzepte und Produktionsweisen (z. B. Regietheater, Kollektivtheater).

Die eigene und fremde künstlerische Praxis wird zunehmend differenzierter gestaltet und wahrgenommen und vor dem oben genannten Hintergrund reflektiert.

  • Sie nutzen die Kenntnis der besonderer Bedeutung des Einsatzes von Körper und Bewegung und der aktiven Raumnutzung und -gestaltung für die Wirksamkeit theatralen Handelns im Allgemeinen und speziell ihrer szenischen Experimente.
  • Sie differenzieren Bedeutung und Wirkung ihres theatralen Handelns durch bewussten Umgang mit der Körperspannung, Bewegungsdynamik
  • und durch eine bewusste, bedeutungsbezogene Raumaufteilung und -nutzung.
  • Sie sind in der Lage, Bühnenbilder, Kostüme, Materialien, Requisiten und Objekte spielgemäß und spielergemäß zu entwickeln, einzusetzen und Grundprinzipien der Gestaltung von Bühnenbildern (z.B. Reduktion) anzuwenden. Sie verfügen über ein zunehmend differenzierteres Repertoire an Beobachtungs- und Bewertungskriterien und können komplexe theatrale Prozesse beschreiben.
  • Sie können den Verlauf von Theaterstücken erfassen und unter Verwendung von Fachbegriffen beschreiben.
  • Sie können differenziert mit Sprache, Sprechen und Texten sowie mit Stimme, Klang, Geräuschen hinsichtlich ihrer Bedeutung und Wirksamkeit umgehen.
  • Sie erkennen die grundsätzliche Wandelbarkeit von Aussagen und Bedeutungen literarischer Texte und entwickeln eigene Interpretationsansätze in Abhängigkeit zu ihren selbst formulierten Wirkungsintentionen.
  • Sie kennen verschiedene Texte der dramatischen Literatur, können Figuren und Rollen selbständig gestalten und sich aktiv an dramaturgischen Fragen und Problemen der Komposition und Konzeption einer Inszenierung beteiligen. Begriffe wie Montage und Collage sind ihnen bekannt.
  • Sie sind in der Lage, verschiedene Medien wie Film, Video, Computer, Fotografie usw. einzubeziehen und intermedial einzusetzen

3.2 Theater gestalten

Schülerinnen und Schüler erarbeiten, erproben und gestalten theatrale Szenen und Inszenierungen und präsentieren Aufführungen vor einem Publikum auf der Grundlage ihrer theaterästhetischen Handlungskompetenz, die sie in Theaterprojekten erweitert und vertieft haben.

Auf der Grundlage eigener Ideen und Erfahrungen erfinden sie in Improvisationen im Ensemble selbstständig Szenen. Sie experimentieren in den verschiedenen Gestaltungsfeldern und gestalten sie theatral im Hinblick auf eine Inszenierung.

Dabei sind grundsätzlich alle Genres und Stile des Theaters möglich.

Die wichtigsten Gestaltungsfelder sind:

  • Körper und Bewegung
  • Raum und Bühnenbild/Kostüm Sprache/Text und Sprechen Musik und Gesang
  • Figuren- und Rollenerarbeitung
  • Regie und Dramaturgie, Konzeption und Komposition, Umgang mit Medien.

In allen Gestaltungsfeldern werden Grundprinzipien ästhetischer Gestaltung angewandt. Hierzu gehören vor allem: Verdichtung, Erweiterung, Kontrastierung, Verlangsamung, Dynamisierung, Vervielfachung, Reduktion, Vereinfachung, Collagierung, Fragmentierung.

Theater reflektieren

Die Schülerinnen und Schüler reflektieren permanent ihre eigene künstlerische Praxis als auch Theaterproduktionen aus ihrem Lebensumfeld als Zuschauer.

  • Sie kennen einige wichtige Spielweisen und unterschiedliche Stile und Theatergenres kennen und verfügen über erste Beobachtungs- und Beurteilungskriterien.
  • Sie kennen verschiedene Inszenierungskonzepte und Methoden der Erarbeitung, wie z.B. die der Improvisation und der Recherche.
  • Sie kennen die unterschiedlichen Einsatzmöglichkeiten von Gestaltungsmitteln des Theaters und deren mögliche ästhetische Gewichtung bzw. Schwerpunktsetzung. Diese werden in der Gruppe diskutiert, unter Verwendung dramaturgischer und theoretischer Kenntnisse beleuchtet und gemeinsam entschieden.
  • Sie wenden konstruktive Feedback-Verfahren an und reflektieren dabei kritisch ihre eigene Perspektive und Position.

3.4 An Theater teilhaben

Die Schülerinnen und Schüler zeigen ihre soziokulturelle Kompetenz, indem sie aktiv die Schulkultur bereichern und darüber hinaus am kulturellen Leben ihres Lebensumfeldes teilnehmen. Sie spielen selbst Theater und produzieren dies für eine Schulöffentlichkeit und sie organisieren und unternehmen gemeinsam Theaterbesuche.

  • Sie kennen Kinder- und Jugendtheater sowie auch Stadttheater mit nicht altersspezifischem Spielrepertoire.
  • Sie nehmen an Publikumsgesprächen teil und vollziehen die möglichen Intentionen und konzeptionellen Überlegungen der jeweiligen Theaterproduktion nach.
  • Sie nehmen Angebote von möglichen Partnerschaften mit professionellen Theatern oder freien Gruppen aktiv wahr und beteiligen sich als Akteur oder Zuschauer an Angeboten regionaler oder überregionaler Theatertreffen.
  • Sie sind befähigt, unter interkulturellen Bedingungen Theater zu spielen und zu beobachten. Sie gleichen unterschiedliche Wahrnehmungs- und Selbstkonzepte ab vor dem Hintergrund jeweiliger kultureller Prägung und können damit Fremdheit tolerieren, respektieren und zum Gegenstand künstlerischer Gestaltung machen.

Stand: Dezember 2009